Carmina Burana: Tempus est iocundum | It's party time!

Straßensingen für eine offene Gesellschaft, gegen Minderheitenfeindlichkeit

Im Rahmen des internationalen schwullesbischen Chorfestivals präsentieren Chöre aus Europa und aus der ganzen Welt ihre kunterbunten Programme. 2018 werden wir und unsere Gastchöre den Münchner Gasteig mit knapp 100 Veranstaltungen in allen Sälen zum Beben bringen. Gleichzeitig wollen wir ein Zeichen setzen und durch ein großes Straßensingen als Community im Herzen Münchens sichtbar sein. Mit einem fetzig-populären, münchnerischen Werk, das Urthemen unseres Menschseins anspricht, wird es uns gelingen, Various Voices weit über die Szene hinaus bekannt zu machen. Auch unsere Freunde aus dem Bayerischen Sängerbund sowie Gastchöre sollen eingeladen werden, mitzuwirken.
Neben den Brücken, die wir so über die Community hinaus bauen wollen, soll es mit diesem identitätsstiftenden Großereignis vor allem auch darum gehen, Gemeinschaftsgefühl zwischen unseren extrem unterschiedlichen Teilnehmern zu stiften. Egal ob Popchor oder Madrigalensemble, Lesbe aus Lissabon oder Schwuler aus dem Schwarzwald: durchs tägliche gemeinsame Proben in der Philharmonie (die wir zu diesem Zwecke einfach umdrehen werden: der Zuschauerraum ist die Bühne!) werden wir vier Tage lang beim gemeinsamen Atmen und Singen ganz neue Leute kennenlernen und zusammenwachsen zu einer großen, gemeinsamen Stimme.

Gedanken zu Orffs „Carmina Burana“

Tempus est iocundum. Lass es krachen – jetzt oder nie! Du weisst nicht, was das Schicksal mit dir noch vorhat. Heut noch bist du König, morgen schon ein Bettler.
2018. Der Kampf der Community um gleiche Rechte ist erfolgreich geschlagen. Lesbische und schwule Paare dürfen überall in Europa heiraten und Kinder adoptieren. Niemand schaut die beiden Mädels, die in der U-Bahn knutschen, mehr schief an. “Schwul” ist auf den Schulhöfen ein Kompliment geworden. Die Party kann beginnen, rein ins Vergnügen!
Wirklich?
Carl Orffs Carmina Burana sind bayerische Weltmusik, seit Jahrzehnten das meistgespielte Chorwerk überhaupt. Deftig und bodenständig – und im nächsten Moment erschütternd und rätselhaft. Weil Orff die Gräben zwischen sogenannter U- und E-Musik radikal ignoriert, reißerische Poprhythmen und eingängige Melodik mit bajuvarischen Volksmusikelementen und saftigem symphonischem Orchesterklang verbindet, schafft er es, jeden anzusprechen – auch Leute, die mit klassischer Musik und Chorgesang sonst wenig zu tun haben.
Als in München geborener Urbayer war Orff fasziniert von der mal ironisch-doppelbödigen, mal erotischen, mal ordinären süddeutschen Lyrik der mittelalterlichen Gedichtsammlung “Carmina Burana”, die heute einen der wertvollten Schätze der bayerischen Staatsbibliothek darstellt und im Herzen der Stadt in einem Tresor am Odeonsplatz lagert.
Die drei Abschnitte der Komposition besingen drei Grundfiguren des Menschseins: Das immer wieder mit dem Frühling neu aufkeimende Leben (I. Primo vere), wildes Partymachen mit Singen, Essen und Saufen (II. In Taberna) und, natürlich, Liebe & Sex (III. Cour d'amours). Aber über all dem thront das unberechenbare Rad der Fortuna (Fortuna imperatrix mundi, gleichzeitig Ouvertüre und Schlusssatz des Werks), das der ganzen Sause vielleicht schneller ein Ende macht, als du “LGBTQIA” sagen kannst.
Können wir in München denn überhaupt den Frühling feiern, singen, trinken und lieben, während unser schullesbischer Partnerchor in der Ukraine mit Gesetzen, die die “Propagierung von Homosexualität” unter Strafe stellen, drangsaliert wird? Geht es uns hier im vermeintlich aufgeklärten Mitteleuropa wirklich so prächtig? Können wir uns darauf verlassen, daß das Erreichte Bestand haben wird? O Fortuna, velut luna, statu variabilis? Sind die Trumps, “Pegidas” und “Besorgten Eltern” dieser Welt, die das Rad gerne zurückdrehen möchten, wirklich nur eine lärmende aber eigentlich völlig unbedeutende gesellschaftliche Randerscheinung? Fortune rota volvitur?
Die Carmina Burana setzen ein Zeichen gegen eine hypokritische Gesellschaft, persiflieren die Verlogenheit der Kirche, die nach außen Wasser predigt und selbst Wein trinkt und stehen selbstbewusst zu einem Leben mit beiden Beinen im hier und jetzt, out and proud. Die Carmina Burana sind eine universale Hymne auf Liebe und Lebenslust, die seit ihrer Entstehung vor knapp 800 Jahren nichts an Sprengkraft verloren haben. Zu ihrer Entstehungszeit waren sie revolutionär, weil sie Sex und Kritik an einer verklemmten und verlogenen Gesellschaft ganz offen zur Sprache brachten. Leider ist das 2018 immer noch genauso notwendig!

Tempus est iocundum

Tempus est iocundum, o virgines,
modo congaudete vos iuvenes.

Oh, oh, oh, totus floreo!
Iam amore virginali totus ardeo,
novus, novus, novus amor est,
quo pereo.

Mea me confortat promissio,
mea me deportat negatio.
Oh, oh, oh etc.

Tempore brumali vir patiens,
animo vernali lasciviens.
Oh, oh, oh etc.

Mea mecum ludit virginitas,
mea me detrudit simplicitas.
Oh, oh, oh etc.

Veni, domicella, cum gaudio,
veni, veni, pulchra, iam pereo.
Oh, oh, oh etc.
It's party time, girls,
and you can join in too, guys.

Oh, oh, oh, I'm bursting out!
I'm burning all over with virgin love!
It's new, new, new love
that I'm dying of!

I'm comforted when you say 'yes',
I'm devastated when you say 'no'.
Oh, oh, oh etc.

In the winter, man is sluggish,
comes the spring, he is horny.
Oh, oh, oh etc.

My virginity makes me curious,
but my shyness holds me back.
Oh, oh, oh etc.

Come, my girl, let’s have fun,
come, come, my beauty, I'm dying for you.
Oh, oh, oh etc.

Zur Aufführung

Sind die Carmina Burana innerhalb von 4 Tagen überhaupt lernbar?

Die Carmina Burana sind eingängig komponiert und musikalisch und gesangstechnisch nicht sehr anspruchsvoll – deswegen werden sie von Laienchören in der ganzen Welt so oft gespielt – auch von vielen unserer Chöre.
Trotzdem ist das Stück zu umfangreich, um in so kurzer Zeit neu erlernt zu werden und muß ganz oder in Ausschnitten im Vorfeld vorbereitet werden. In den gemeinsamen Proben während des Festivals geht es darum, einen 3000-köpfigen Chor zu formen und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln – nicht darum, Noten zu lernen.

Wie können wir überhaupt ein so umfangreiches Werk im Vorfeld einstudieren – parallel zu unseren eigenen Programmen?

Die Carmina Burana dauern insgesamt knapp eine Stunde, sind aber formal sehr vielgestaltig. Passagen für Solisten, große und kleine Chöre sowie Orchester wechseln sich ab. Wir wünschen uns, daß alle am Festival teilnehmenden Chöre gemeinsam auf dem Münchner Odeonsplatz singen und täglich miteinander proben. Die großbesetzen neun Nummern (in der Übersicht fett gedruckt) sollen verbindlich von allen Teilnehmern im Vorfeld einstudiert werden; es handelt sich hierbei um nicht mehr als 20 Minuten Musik – darunter zwei “Hits” (O Fortuna und Tempus est iocundum) die ohnehin vielen bekannt sind. Wir hoffen, daß darüber hinaus möglichst viele von euch bereit sind, darüber hinaus das gesamte Werk zu lernen. Diesbezüglich werden wir auch noch mit euch individuell ins Gespräch kommen. Die Münchner Gastgeberensemble and friends werden bei der Aufführung eine tragende Rolle spielen und alle Stücke singen.

Als “Steps to Various Voices” wollen wir in verschiedenen europäischen Städten Probencamps initiieren, bei denen Chöre regional zusammenkommen, um sich gemeinsam vorzubereiten. Hier ist eure Initiative gefragt.

Sind wir alle stimmlich dem Stück gewachsen?

Orff hat die Carmina Burana bewusst einfach singbar komponiert – deswegen werden sie so oft auch von Schulchören, Gesangvereinen etc. aufgeführt. Extreme Tonumfänge werden vermieden, die Partien liegen größtenteils in einer gesunden Mittellage. Nur wenige Takte im ersten Sopran sind stimmlich exponiert. Es reicht, wenn 1 % unserer 3000 Mitwirkenden diese Töne sicher erreicht. Jeder Chor beschränkt sich auf die Stimmen, die er gut besetzen kann – z.B. kann ein Lesbenchor mit tief liegendem Repertoire sich natürlich auf den mehrfach geteilten Alt konzentrieren.

Wie sieht die Aufführung aus?

Wir planen ganz bewusst kein geschlossenes Konzert, sondern ein offenes Straßensingen auf Münchens größtem Platz, dem Odeonsplatz. Jeder, der das Stück kennt, darf kommen und mitsingen, um mit uns ein musikalisches Zeichen für LGBT-Akzeptanz zu setzen. Die ca. 3000 Sängerinnen und Sänger werden über den ganzen Platz verteilt stehen, mit Blick auf eine zentrale Bühne, auf der sich Orchester, Dirigent und Solisten befinden. Das Dirigentenbild ist durch einen großen Bildschirm überall sichtbar. Um unsere „Carmina Burana“ herum wollen wir auf dem Odeonsplatz ein Straßenfest feiern, bei dem auch unsere Gäste, die Münchner Community und Gastronomie mit Ständen präsent sind.

Musik Tutorials

Ihr wollt zu Hause Carmina Burana üben? Hier findet ihr Musik Tutorials.

Probentermine

An folgenden Wochenenden finden für die Münchner Chöre und friends Carmina Burana Proben statt:

18. und 19. November 2017
Gasteig, Chorprobensaal
Zugang über Künstler-Pforte an der Kellerstraße
20. und 21. Januar 2018
Kraepelinstr. 18, Aula
14. und 15. April 2018
Gasteig, Mehrzweckraum 0.131

Probenzeiten:
Samstags: 10 - 13 und 14 - 17 Uhr
Sonntags: 10 - 14 Uhr


Fragen?

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